digitaler widerstand

geschichtswissenschaft aus hannover

Fanatisch? 30. April 2011

Filed under: Uncategorized — boerne4 @ 09:26

Lieber Axel, lieber Julian,

Mich hat vor allem eine Bemerkung von Julian irritiert: wirken wir/ich so fanatisch, was die neuen Medien betrifft? Vielleicht stimmt das ja auch, aber vielleicht entsteht dieser Eindruck auch nur, weil so wenige die vielen Chancen und Möglichkeiten kaum zur Kenntnis nehmen, sondern – obwohl sie natürlich die Wikipedia nutzen – so tun, als würden die alten kulturellen Praktiken (Lesen von Büchern, also von analogen Daten) die einzig richtigen für Geistes-Wissenschaftler sein. Woher kommt diese Skepsis gegenüber allem Neuen, obwohl es doch gerade für Geisteswissenschaftler die unglaubliche Chance bietet, auf einen jahrhundertealten Fundus an Wissen zurück zu greifen? Nur ein Beispiel: Gegenüber den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, die sich wesentlich schneller den neuen Medien geöffnet haben, wenden wir ein, dass es uns um das Langzeitgedächtnis geht. Aber was heisst das? Noch vor wenigen Jahren war die Benutzung alter, d.h. über 100 Jahre alter Literatur nur in der Bibliothek gestattet. Nun können wir schon erstaunlich umfangreiche alte Bestände als pdf-Dateien auf unserem Rechner lesen, etwa die Digitalisate von Archive.Org. Nur wissen davon erstaunlich wenige Kollegen.
Ich denke, es sind vorrangig kulturelle Praktiken, die die aktive Nutzung von Digitalisaten oder Online-Publikationen verhindern. Warum das so ist, bleibt mir auch nach 10 Jahren vieler Gespräche und Provokationen (dazu gehört gar nicht viel) weiterhin unklar. Ja, ich weiß, es passiert etwas, aber es ist so quälend langsam, vorsichtig und immer noch am Rande der „eigentlichen“ Forschungsarbeit.

Dazu noch ein Link: http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/content.php?nav_id=1541

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One Response to “Fanatisch?”

  1. Julian Says:

    Sehr geehrter Herr Schneider, sehr geehrter Herr Becker,

    zu allererst: fanatisch wirken Sie auf mich nicht. Eher vielleicht begeistert und begeisternd. Das wirkt auf mich, der ich mich zumindest grundlegend im Umgang mit digitalen Medien auskenne, durchweg positiv. Aus der Perspektive eines Zeitgenossen jedoch, der sich gerade an die Arbeit mit neuer Technik herantastet, könnte aus der Begeisterung schnell das Gefühl einer Überforderung entstehen.
    Erzählen mir Kommilitonen, die eine Naturwissenschaft studieren, von ihrem Fach, höre ich Ihnen durchaus gerne zu. Ich bewundere ihre Begeisterung und ihre Liebe zur Materie. Dennoch kann ich fachlich nichts mit ihren Worten anfangen. Auch dann nicht, wenn sie mir wiederholt die molekularen Vorgänge während der Fotosynthese erklären. Beim ersten Kontakt mit digitalen Medien dürfte das vielen ähnlich gehen.

    Die Skepsis bezüglich neuer Medien ist ja durchaus kein dozentenspezifisches Problem. Auch viele meiner Mitstudierenden nutzen nicht mal annähernd die Möglichkeiten, die ihnen das Internet heutzutage bietet.
    Das liegt – zumindest bei uns Studierenden – zum Großteil an der fehlenden Heranführung. Immerhin ist bei uns im historischen Seminar ein Tutorium zum Umgang mit Online-Portalen für Geisteswissenschaftler vorgeschrieben. Wenn ich dort jedoch nicht mehr als eine (natürlich analoge) Linkliste bekomme und nach zehn Minuten wieder gehen kann, war das allenfalls ein Stückchen verschwendete Lebenszeit. Den Umgang mit digitalen Medien habe ich dadurch aber auch nicht in den Grundzügen gelernt.
    Hinterher habe ich zwar den Namen „Project Muse“ schon einmal gehört. Es fehlen aber beispielsweise Informationen, von wo ich darauf überhaupt mithilfe des LUH-Accounts darauf zugreifen kann. Und das ist durchaus kein Fehler des Tutoren, denn auch auf der Website des historischen Seminars suche ich solche Informationen vergebens.
    Die Folge ist ein langwieriger Trial-and-Error-Prozess, bei dem niemandem ein Vorwurf gemacht werden kann, wenn er auf halber Strecke die Flinte ins Korn wirft und in Zukunft lieber wieder in die Bibliothek geht.
    Ich denke, dass zumindest bei den Skeptikern oft schon eine grundlegende, einfache Einführung reichen würde, um das Interesse an einer persönlichen Weiterbildung zu wecken.

    Woher die Skepsis gegenüber der Arbeit mit digitalen Medien grundsätzlich kommt, ist dabei nur schwer zu sagen. Zumindest bei schriftlichen Arbeiten könnte es aber dem Umstand geschuldet sein, dass bei vielen immer noch das Vorurteil herrscht, der Umgang mit Quellen und Texten im Internet sei weniger arbeitsintensiv.
    Ich weiß nicht, wie Sie als Dozenten an die Bewertung einer Hausarbeit gehen. Lese ich selber aber mal Hausarbeiten von Kommilitonen, ertappe ich mich oft dabei, dass ich von einem ausführlichen Literaturverzeichnis beeindruckt bin. Mir suggeriert das, dass sich der Autor intensiv mit dem Thema beschäftigt hat und dieser (scheinbare oder reale) Arbeitsaufwand belohnt werden sollte.
    Natürlich sollte bei einer Hausarbeit nicht das Literaturverzeichnis bewertet werden und ich persönlich hatte zumindest auch noch nie das Gefühl, dass das passiert. Aber zu einem positiven Gesamteindruck gehört das einfach dazu.
    Wenn die Arbeit mir aber zeigt, dass sie komplett auf Grundlage von Internetquellen erstellt wurde, bin ich in der Grundhaltung tendenziell eher skeptisch. Und auch ich selber achte beim Schreiben von Hausarbeiten darauf, möglichst viel aus „echten“ Büchern zu zitieren. Ich weiß bei den meisten Dozenten eben nicht, wie sie auf den regelmäßigen Gebrauch von URLs in den Fußnoten reagieren.

    Im letztem Semester habe ich das „Experiment“ gewagt, eine Hausarbeit fast komplett auf der Grundlage von Internetrecherchen zu schreiben. In Absprache mit meinem Dozenten (Herrn Becker) habe ich die Zitierweise auch diesem Vorgehen angepasst und sie an die allgemein in Blogs praktizierte Art angelehnt.
    Dabei konnte ich vor allem feststellen, dass eine (vernünftige, überprüfte und gründliche) Internetrecherche in Sachen Arbeitsaufwand keinesfalls hinter einer (vernünftigen, etc.) Bibliotheksarbeit zurück steht. Eher im Gegenteil.

    Im Internet ist die Skepsis gegenüber Inhalten tendenziell größer als bei gedruckten Büchern – auch bei mir, der ich mit dem Medium aufgewachsen bin.
    Ich denke, ich muss nicht dazu sagen, dass das eigentlich unangebracht ist. Dass in Büchern ebenso Falschinformationen verbreitet werden können wie im Internet, dürfte mittlerweile allen bekannt sein. Eine vielzitierte Studie zeigt beispielsweise, dass die berühmte Encyclopedia Britannica der vielgescholtenen Wikipedia in Sachen Fehlerhaftigkeit in nichts nachsteht.

    Wieso besteht aber immer noch das Vorurteil, ein digitaler Textverweis sei „weniger wert“ als analoge? Ich vermute, es liegt an der Zitation.
    Eine Internetquelle kann ich theoretisch innerhalb von zehn Sekunden zitieren. Ich muss einen Begriff einfach nur googlen und die entsprechende URL per Copy und Paste in die Fußnote einfügen. Ein Analog-Buch-Zitat hingegen erfordert einen größeren Zeitaufwand und suggeriert damit auch eine größere Mühe. Denn im Idealfall muss ich das Buch zumindest einmal aufgeschlagen haben, um es korrekt zu zitieren.
    Alleine die bibliographische Angabe ist bei einem analogen Medium also weitaus komplizierter. Und das hat ja auch – bei allem Unverständnis für Pedanterie und Kleinkariertheit – durchaus seinen Sinn.
    Müssen wir also die Art und Weise, wie Internetquellen zitiert werden, ändern, damit sie dem Leser als gleichwertig erscheinen? Ich denke, eine künstliche Verkomplizierung wäre falsch. Aber das Problem wird sich so lange nicht lösen, bis nicht jeder den Arbeitsaufwand, der hinter einer Online-Recherche steht, verstanden hat.

    Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen und bedanke mich für die Lektüre meines Beitrages.

    Mit freundlichen Grüßen
    Julian

    P.S.: Mit „Internetquellen“ sind übrigens Texte gemeint, die (meist exklusiv) im Internet zu lesen sind und in einer wissenschaftlichen Hausarbeit auch als URL zitiert werden. Das schließt beispielsweise Angebote wie JSTOR, GoogleBooks oder auch archive.org zunächst mal aus meiner Argumentation aus. Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass der Begriff „Quelle“ hier aus geschichtswissenschaftler Sicht unangebracht sind, aber ich denke, die implizierte Bedeutung wird trotzdem klar.


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