digitaler widerstand

geschichtswissenschaft aus hannover

Lieber Axel, 5. Mai 2011

Filed under: Uncategorized — boerne4 @ 20:42

du machst es mir nicht leicht, denn wir wollen doch eigentlich kontrovers diskutieren. 

Thomas S. Kuhn hat in seiner „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen ja die These aufgestellt, dass Paradigmen-Wechsel mit Generationenwechseln verbunden sind. Darauf hatte ich eigentlich vor 10 Jahren gehofft, aber irgendwie scheint das nicht zu klappen. Wir haben eine neue Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber diese bleiben hinsichtlich der neuen Medien weiterhin sehr reserviert. Nun bin ich kein bedingungsloser Anhänger des Internet, ich kann auch diejenigen ein wenig verstehen, die sich gegen die Veröffentlichung ihrer Daten wehren. So ein wenig erinnert das an die Vorfahren von uns, die sich im 18. Jahrhundert dagegen wehrten, dass ihre Häuser Nummern bekamen. 

Aber darum geht es gar nicht, sondern es geht um die Frage, weshalb sich Wissenschaftler dagegen wehren, dass Forschungsergebnisse frei und jederzeit verfügbar sind. Zweitrangig, in welcher Form. Warum soll es problematisch sein, einen wissenschaftlichen Text am Rechner, am iPad oder am Kindle zu lesen und nicht als Buch? Das ist die Frage. Und sie verbindet sich mit der, weshalb wir trotz der vielen Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens immer noch den Dozenten in den Mittelpunkt der Lehre stellen – sogar stärker als noch vor wenigen Jahren. Warum, und das wäre die dritte Frage, tun wir so, als ob die neuen Medien Lernräume wie Bibliotheken überflüssig machen (ja, ich weiß, es gibt andere Konzepte, aber warum werden sie nur so langsam Teil unseres Alltags)? Von den Kompetenzen und Servern der Bibliotheken einmal abgesehen, die neuen Medien fördern doch eher die direkte Kommunikation als sie zu überflüssig zu machen. Letztere Annahme ist doch eine Fiktion, die zumindest mit der Realität an unserer Hochschule wenig zu tun hat. 

Ich bin gespannt auf unsere Tagung morgen.

Advertisements
 

2 Responses to “Lieber Axel,”

  1. Kivi Says:

    Die Krux an der ganzen „Geschichte“ ist doch aber, dass das alles nichts mit der Realität zu tun hat. Es wird immer von den Medien ausgegangen – meine Erfahrung allerdings ist, dass – egal, ob Bibliothek, Internet, Elearning, Lernchat, Reader, Buch, eBook, … – die Studenten selten etwas davon wahrnehmen; der Student ist also das Medium, um das gehen sollte, von welchem ausgegangen werden sollte und welcher sich damit beschäftigen sollte. Es wird nur noch nach Punkten studiert, ohne sich wirklich mit der Materie zu beschäftigen, egal, in welcher Form diese Materie vermittelt wird. Der Student möchte möglichst auf einfachstem Wege nicht zuviel selber tun müssen – mal ist es das Buch in der Bibliothek, welches doch bitte noch in den Reader kopiert werden soll, mal ist es der virtuelle Reader, welcher doch bitte auch in Papierform darzureichen ist und manchmal ist es auch die Onlinedatenbank, die ja leider Gottes nur englische Texte hervorbringt, weswegen der Dozent doch bitte wieder einen deutschen Text vorzulegen hat. Ich bin selber Student – und manchmal frage ich mich, ob diese ganze Diskussion über Digitale Revolution, um Bibliotheken, Datenschutz usw usf nicht nur dazu dient, den Menschen/Studenten den bequemsten Weg zu bereiten. Denn Fakt ist, dass das Angebot egal scheint – angenommen wird es heutzutage nur von wenigen. Da stellt sich mir doch eher die Frage, wie ich meine Kommilitonen motiviere, Interesse am Fach zu zeigen. Seminare, in denen nur zwei Leute die Texte gelesen haben, sind öde – ganz gleich, ob der Text in digitaler, papierner oder gebundener Form vorhanden ist. Unser externer Lehrbeauftragter aus den USA hat es auf den Punkt gebracht: „I don´t care where you get your texts from – they are available online and in the library. The library is downstairs and everyone has an IPhone – nevertheless, I am sitting here with 20 students, discussing with only one.“ Und so ist es. Das ist die Realität.

  2. boerne4 Says:

    Ich sehe da keinen Widerspruch: Natürlich ist es ein Scheingefecht, wenn die einen fordern, dass die Studierenden mehr Bücher lesen sollen, weil es gar nicht darum geht, wo sie lesen, sondern dass und was sie lesen.
    Das ist aber nicht nur eine Frage der Studienorganisation, sondern auch eine, wie wir uns als Lehrende selbst sehen. Wenn wir alle der Meinung sind, dass auf jeden Fall die eigene Veranstaltung von so großer Bedeutung ist, dass sie eigentlich alle Aufmerksamkeit erfordert, produzieren wir dies Durcheinander. Da war das alte System liberaler: es gab mehr Freiraum (der allerdings auch nicht immer für eine intensive Lektüre genutzt wurde – die Klagen waren damals eigentlich nicht anders als heute).
    Die neuen digitalen Medien bieten im wissenschaftlichen Bereich nur etwas für diejenigen, die ein hohes Interesse und ein hohes Konzentrationsvermögen besitzen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s