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Katastrophentouristen im Meinungspluralismus 24. September 2011

Filed under: Internet — Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer @ 09:32

Wenn zwei sich streiten, freut sich angeblich der Dritte. Es war nur logisch mich Karl und Axel anzuschließen, denn statistisch müsste ich jetzt glücklich sein und wir alle Wissen Statistiken lügen nie. In meinem ersten Beitrag möchte ich über Dinge reden, die man im Internet so finden kann. Aber da Zeit bekanntlich Geld ist (was uns theoretisch alle gleich Reich macht), habe ich mich dazu entschlossen über etwas ganz besonders seltenes zu reden.

Mit zwei Dingen wird man im Internet ständig konfrontiert. Erstens Aktfilmen zweifelhafter Qualität und zweitens Meinungen. Natürlich wären da noch Spam und Werbung, aber ich meinte nur sinnvolle Dinge. Auch wenn ich niemanden enttäuschen will, möchte ich an dieser Stelle über Meinungen reden und nicht über nackte Haut. Zu den meisten Dingen haben wir eine Meinung. Selbst wenn unsere Meinung ist, dass etwas einer Meinung unwürdig ist. Sie kommt durch Erfahrung zustande, basierend auf ähnlichen Erlebnissen, auf unserem kulturellem Hintergrund und auch durch die Meinung der Menschen denen wir vertrauen. Wir können Meinungen oft besser vertreten, je mehr wir über diese Wissen. Was spricht dafür? Was dagegen? Gibt es überhaupt eine richtige Meinung oder nur mehrere Sichtweisen? Trotz der Möglichkeit sich immer und jeder Zeit über ein Thema zu informieren, haben die Entwicklungen im Internet und Journalismus dazu geführt, dass es kaum noch begründete Meinungen gibt. Oder besser: Jeder wirft seine Meinungen in einen großen Topf, schaut sich aber weder nach anderen Meinungen um, noch diskutiert man wirklich darüber. Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

Zum einen haben wir die klassischen Massenmedien: Fernsehen, Radio und Print. Diese existieren zwar zur allgemeinen Unterhaltung, aber eben nicht nur. Ihr Angebot soll verkauft werden, egal ob Nachrichten oder Seifenoper, über die Einschaltquoten muss durch Werbung und Merchandising Geld in die Kasse. Das Programm muss so gestaltet werden, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gut gefällt. Das sorgt zum einen für eine ständige Überprüfung der Sendequalität und zum anderen dafür, dass die Inhalte auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet werden. Wer mir jetzt am liebsten ins Wort fallen möchte, um mir dann den Widerspruch von Qualität und entweder Heidi Klums Kleiderständer Casting oder Dieter Bohlens Klonversuche um die Ohren zu schlagen, den kann ich verstehen. Dabei sind die beiden Shows aber eben der Beleg einer Qualitätssicherung für eine bestimmte Zielgruppe. Es wird meist versucht den größten Haufen an Zuschauern zu gewinnen und das ist selbst im geburtenarmen Deutschland die Mischung aus Teenies auf Identifikationssuche und Fernsehkatastrophentouristen, die sich ordentlich fremdschämen wollen. Aber genau da liegt der Hund begraben. Das Programm soll eben nicht allen gefallen, sondern nur bestimmten Gruppen, am besten der größten. Man tut natürlich alles um diese Zielgruppe zu pflegen und zu nähren und versucht sich nicht zu vergraulen. Durch das Vorenthalten von kontroversen, gegenteiligen Meinungen bestätigt man das Weltbild einer Gruppe, verhindert aber auch mehrere Seiten eines Problems kennen zu lernen. Das kann sich auch auf die Nachrichtensendungen auswirken, wie der stark geprägte Sender Fox News beweist. Wenn dort eine Nachricht dem Klientel nicht passt, wird sie eben geändert. Ein paar Auszüge findet man hier oder hier als Video. Aber nicht jeder Sender ist Fox News und nicht jeder Inhalt (absichtlich) subjektiv. Die Nutzer suchen sich die Zeitung, Sendung oder Radio Show, die ihren Vorlieben entspricht und automatisch das, was in ihr Weltbild passt anstatt anzuecken.

In der digitalen Welt funktioniert vieles ähnlich. Der größte Unterschied ist, dass die Nutzer sowohl Meinungen produzieren als auch konsumieren. Hat man im echten Leben noch ein Auto, eine Yacht und eine Pferdepflegerin, so gilt für das Web der Blog, der Podcast und das soziale Netzwerk. Das Internet ist groß, unübersichtlich und ohne die Hilfe von Suchmaschinen digitaler Treibsand. Aber wie sucht man? Nach Themen und Phrasen, die einen interessieren. So kann man vielleicht noch verschiedene Meinungen zu einem Thema finden, aber stößt selten auf neue Themengebiete. Außerdem sorgt neben vielen anderen Dingen die Beliebtheit eines Inhalts für sein Ranking in der Suchmaschine. Es wird auf den Link geklickt, der am vielversprechendsten erscheint. Oft also einer, der die Erwartungen zu bestätigen scheint oder viele Informationen verspricht. Je öfter ein Link geklickt wird, desto früher erscheint er in den Suchergebnissen. Schon sind wir wieder bei dem Inhalt, der auf Zielgruppen zugeschnitten ist, ohne genau auf die Websites zu schauen, die wahrscheinlich auch … auf Zielgruppen ausgerichtet sind. Denn Apple-Nutzer treffen sich in Apple Foren, Windows-Nutzer in ihren Foren. Bei übergreifenden Foren, gibt es meistens Subforen und zu Kontroversen über den eigenen Tellerrand hinaus, kommt es selten. Einerseits sind sie oft sogar verboten, andererseits weil es schnell zu einem Flame-war kommen kann, der meistens von einem gemein Forentroll (nicht zu verwechseln mit dem gemeinen Brückentroll) ausgelöst wird. Gleich und Gleich gesellt sich gern, wie es so schön heißt. Deswegen sucht man sich auch oft ein Umfeld, das seinen Erwartungen entspricht.

Das wir uns in diesen engen Korridoren bewegen liegt an der Fülle der Informationen, Eindrücke und Tätigkeiten denen wir nachgehen. Wir sind reizüberflutet und filtern so gut es geht, um noch den Überblick zu behalten. Ansonsten kann man in Informationen ertrinken, sie den ganzen Tag aufnehmen ohne irgendetwas zu behalten oder gelernt zu haben. Außerdem zieht sich diese Gassenbildung durch alle Bereiche unseres Lebens. Die schon erwähnten Massenmedien tragen ihren Teil dazu bei und auch in den Nachrichten ist es oft nicht besser. Oft erscheinen kaum veränderte Agenturmeldungen, die sogar noch die Tippfehler des DPA-Originals enthält. Zum Nachforschen bleibt oft keine Zeit. Es geht immer um die Beziehung zwischen Kosten und Nutzen, gerade bei den untergehenden Printmedien. Dabei nehmen wir Zeitungen und andere Nachrichtenquellen immer noch als ehrwürdiges Medium wahr. Problemlos ist das nicht, denn dort bekommen wir oft auch nur die Anschein von einfachen  Antworten auf komplexe Fragen. Das Bild einer monokausalen Welt. Als letztes bleiben unsere politischen Vertreter, die leider oft echte Debatten scheuen. Immer könnte man etwas falschen sagen, Kritik ist Gift und Gift ist spätestens seit Shakespeare immer kritisch. Viel schlimmer als die externe Debattenkultur, also Partei gegen Partei, ist die interne. Man darf nicht zerstritten wirken, man muss eine Einheit sein. Aber Demokratie ist keine Sache von einzelnen. Selbst die Wähler einer Partei gehen bis auf wenige Schnittpunkte stark auseinander. Dann, wenn es darum geht, Entscheidungen zu vermitteln, schlagen die Politiker oft fehl. Einerseits kann man komplexe Probleme nicht einfach beantworten und so erscheint es manchmal fadenscheinig, dass alles so lange dauert, wo es doch so einfach war. Es wird für die Vermittlung des politischen Prozesses eine simple Alternativwelt erschaffen, die anscheinend aber nicht ausreicht.

Es passieren also mehrere Dinge, die uns von echten Meinungen entwöhnen. Wir werden immer in unserer Meinung bestätigt und suchen uns Orte, wo das höchstwahrscheinlich passiert. Komplexe Dinge, werden einfach dargestellt und so erklärt als Gäbe es ein Problem, einen Grund dafür und deswegen auch nur eine Lösung. Außerdem gibt es so viele Themengebiete und Informationsmöglichkeiten, das wir uns mit den wenigsten davon beschäftigen und filtern müssen, was wir aufnehmen. Es scheint also als wäre das Leben komplex und wir bequem. Dabei wird sich benommen, als wären wir Touristen im Urlaub. Man fährt natürlich dahin, wo es einem gefällt, entspricht es nicht unseren Erwartungen, wird gemeckert, oft sogar sinnlos. Da wir nie unsere Meinung brauchen und wirklich vertreten, sind die Menschen oft beleidigt, fassungslos oder unfähig eine andere zu verstehen. Wir leben in einer konsumbasierenden Gesellschaft und für den Konsum ist eine Meinung überflüssig. Bevor man mir eine rote Fahne in die Hand drückt, ich bin trotz allem irgendwie Kapitalist und darum sollten wir uns auch etwas dekadentes Leisten dürfen.

Den Luxus einer Meinung.

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3 Responses to “Katastrophentouristen im Meinungspluralismus”

  1. boerne4 Says:

    Diese Frage stelle ich mich ich immer wieder. Warum um alles in der Welt müssen sich die Leute nur ihre Meinungen um die Ohren hauen und können nicht problemorientiert diskutieren. Dazu kommt noch, dass sich offenbar eher das Fragwürdige durchsetzt. Schnell wird irgendwas nachgeplappert und nicht wirklich recherchiert. Macht das Netz denn doch dumm?

  2. ChaosPhoenix Says:

    Nein und ja natürlich. Jedes Medium kann dumm machen, wenn man es nicht sorgfältig benutzt. Die Entwicklungen die ich beschrieben habe kommen ja durch die informationsflut, die grosse Gesellschaft und wirtschaftlichen Faktoren. Es ist also glaube ich ein soziales und strukturelles Problem.

  3. Puh, gut dass hier nur 2 Kommentare stehen. Ich bin immer extrem verwirrt, wenn neu zu alt absteigend sortiert wird und die Diskussion nicht mit dem ältesten Kommentar anfängt.

    @boerne4
    Um problemorientiert zu diskutieren muss man erst einmal das Problem kennen. Hier scheitern viele Menschen doch schon. Nehmen wir das Rettungschirm-Problem. Jeder hat eine Meinung, alle diskutieren, ob Griechenland Geld bekommen sol oder nicht usw. Ich behaupte mal, es gibt weniger als 100 Leute in Europa, die das Problem auch nur ansatzweise verstehen.

    Wenn Menschen das Problem nun diskutieren und Meinungen austauschen ist das nur begrüßenswert. Wenn, ja wenn sie bereit sind aus den Meinungen anderer zu lernen. Möglicherweise hinterher zu recherchieren sich schlau zu lesen und ihre Meinung gf. sogar zu ändern und denjenigen, mit denen sie vorher Meinungen ausgetauscht haben auch davon zu berichten.

    Da liegt ja schon der Hase im Pfeffer. Wie Phoenix schon schrob: Da ist die Gasse, die Scheuklappen-Wahrnehmung. Menschen setzen sich vielleicht noch gemeinsam vor die Glotze um über diverse Casting-Shows abzulästern oder bei Sportereignissen mitzufiebern.

    Für die Rede von Papandreou gestern oder Baroso heute habe ich keine Public Viewing Einladung gesehen. Wer mitreden will, sollte sich aber genau bei solchen Ereignissen zusammen hocken und sich austauschen. Mit unterschiedlichen Menschen und Hintergründen. Um neue Sichtweisen zu bekommen.

    Meinung bildet sich. Ich würde mal behaupten, dazu gehört auch etwas Bildung und an beiden muss man arbeiten 😉

    Das was wir neben dem Luxus Meinung brauchen, ist die Meinungen auch auszutauschen und weiter zu entwickeln. Und dafür muss man seine Birne anstrengen, Heidi und Dieter mal abschalten und sich an den Küchentisch setzen und reden. Vielleicht mit iPad und Wikipedia daneben, falls Fragen aufkommen 🙂

    Ich hör mich schon an wie Peter Lustig.


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