digitaler widerstand

geschichtswissenschaft aus hannover

Zerschlagworten 19. Januar 2012

Filed under: Arbeitsmethoden,Internet — Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer @ 17:02

Der Geruch der Blätter, das Rascheln der Seiten – Bücher haben einen Charme, der den digitalen Verwandten fehlt. Abgesehen davon hat ein Buch eine bestimmte Form, es ist eine Ordnungseinheit. In Romanen, Fachbüchern und Sammelbänden finden sich thematisch geordnete Beiträge in einem praktischen Format. Genau wie auf einer Website zu einem Thema. Das Medium ist anders, die Gebrauchslogik aber ähnlich. Aber wofür brauchen wir das wirklich? Bücher sind für den wissenschaftlichen Gebrauch veraltet. Ebooks und andere digitale Formate sind nicht viel besser. Warum? Die Wenigsten werden bei einem Roman den Schluss zuerst lesen. Die Reise ist dort das Ziel, ein Teil der Erfahrung. Aber wissenschaftliche Texte liest man nicht wie Romane. Zwar ist die Methode, mit der die Ergebnisse gefunden wurden, wichtig, aber man wird selten das ganze Buch lesen, falls man selbst nur einen Teilbereich des Themas behandelt. Deshalb liest man ganze Bücher quer, in der Hoffnung möglichst schnell die wichtigen Informationen zu finden und die unwichtigen herauszufiltern. Die Gefahr beim Filtern Fehler zu machen ist dabei äußerst präsent. Im besten Fall verliert der Forscher dadurch Zeit, im schlechtesten das ganze wissenschaftliche Projekt.

Auf der Suche nach einer Alternative vergessen wir für einen Moment umfassendere Formate und denken nur noch an Texte. Einzelne Seiten werden zu einem langen, fortlaufenden Text, der nur noch in Absätze getrennt ist. Übliche Orientierungspunkte wie Seitenzahlen und Kapitel entfallen. Das ganze Buch als solches existiert nicht mehr, sondern nur noch unendlicher Inhalt. Eine schreckliche Vision, kann man zu Recht einwenden. In diesem Zustand würde jede Übersicht zusammenbrechen und das Arbeiten um Vieles schwerer. Also zurück zum Buch? Nein, wir haben uns erst vor kaum 600 Zeichen von diesem getrennt und so schnell gebe ich nicht auf.  Wir brauchen also neue Bezugspunkte, die Seitenzahlen und Kapitel ersetzen, um uns zurecht zu finden.

Lange Texte enthalten unterschiedliche Sinneinheiten und manchmal unbeabsichtigt versteckte. Diese Einheiten sind einzelne Abschnitte in denen ein bestimmter Gedanke erläutert wird. In einer größeren Arbeit umreist man meist in einem Abschnitt den Stand der Forschung, um sich dann im zweiten Schritt davon abzugrenzen und im dritten seinen Ansatz besser verdeutlichen zu können. Diese drei Sachen können wiederum zum einleitenden Teil der Arbeit gehören und jeder für sich wiederum in kleinere Teile zerstückelt werden. Hierbei handelt es sich um methodische Einheiten, aber das gilt auch für sinnstiftende Inhalte. In einem Buch über Brote kann es in einem (wenn nicht in vielen) Kapiteln um Mehl gehen. Dort wird dann in einzelne Mehlarten und Pflanzen unterschieden. Geht man noch tiefer, können bestimmte Anbaugebiete untersucht werden. Neben den Pflanzen kann es aber auch um den politischen Hintergrund gehen. Gibt es hohe Zölle? Ist das Gebiet politisch stabil? Es ist einfach vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Ein scheinbar simples Thema kann beliebig erweitert werden. Mit dem Betrachtungswinkel ändern sich auch welche Informationen  relevant sind, der benötigte Hintergrund und Vergleichshorizont. Das zeigt, dass man bei einem groben Thema wie Brot sowohl in die direkte Tiefe gehen kann, als auch parallele Wege wie Ursprungsländer und politische Entwicklungen. Wichtig ist, es gibt immer einen groben Zusammenhang und das explizite Detail. In einem Sammelband sind auch immer wieder Beiträge zu finden, bei denen man sich wundert, wie sie in die Reihe passen. Aber meist verfügen auch diese über eine komplexe Verbindung zum Thema.

Was ist nun, wenn diese vielen einzelnen Teile für sich stehen und mit anderen Bruchstücken anderer Arbeiten zusammen analysiert werden könnten? Es ist üblich ganze Bücher zu verschlagworten, um sie mit anderen Büchern in einen Kontext bringen zu können. Anstatt diese Methode auf ganze Bücher anzuwenden, kann man einzelne Abschnitte, Texte, Sinneinheiten indexieren. So bekommt ein Abschnitt über die Brotproduktion die Schlagworte Brot, Produktion, Maschinen etc. während ein anderes Brot, Frankreich, Demokratie usw. bekommt. Man versieht Abschnitte mit Tags, genauso wie man heute Bilder und auch Musik taggt.

Eine heute übliche Textsuche durchsucht den Volltext nach Worthäufigkeiten und errechnet dann anhand von speziellen Algorithmen das Ergebnis. Dabei wird aber nicht der Sinn eines Textes oder einzelner Textteile erfasst. Mit einer sinnvollen Indexierung einzelner Textteile würde die Struktur eines Textes ausgesplittert werden, sie würden zerschlagwortet werden und für sich stehend gefunden werden können. So kann man auch interdisziplinär Erkenntnisse erlangen, die einem sonst verschlossen geblieben wären, da auch Texte durchsucht werden, bei denen die Ausbeute gering wäre oder wo keine Informationen erwartet wurden. Das Taggen von Texten erlaubt es einfacher einzelne Textstellen miteinander zu vergleichen, um durch die Gegenüberstellung neues Wissen zu erlangen. Was sind denn wissenschaftliche Arbeiten sonst als zumindest teilweise eine Collage fremder Arbeiten? Fußnoten sind nur analoge Links auf andere Beiträge.

Auch eine schöne neue Welt ist nicht ohne Probleme. Das größte Problem am Taggen sind die Tags selbst. Sie dürfen nicht variabel sein, sondern in ihrer Bedeutung klar definiert. Gute, eindeutige Tags zu schaffen ist schwerer als man vielleicht denkt. Zum einen müssen sie möglichst genau sein, zum anderen darf es auch nicht so viele geben, dass keine Beziehungen mehr hergestellt werden können. Für die Tags müsste es eine Art Stammbaum geben, der ihre Verwandtschaft miteinander festlegt. Aber das ist kein neues Problem, sondern ein bekanntes. In Bibliotheken gab es schon immer das Problem, dass man ein Buch nicht finden konnte, obwohl es da war. Man hat einfach unter dem falschen Schlüsselwort gesucht. Seitdem es kaum noch Zettelkataloge gibt und eine Art assoziatives Suchen (verwandte Bücher stehen nebeneinander) durch schlechte Suchmaschinen ersetzt wurde, ist das Problem nur größer geworden.

Zum anderen besteht durch das Aufbrechen der Textlogik durch die Zerschlagwortung die Gefahr einzelne Abschnitte aus dem Kontext zu reißen. Aber auch das ist nichts neues. Bücher werden wie beschrieben hastig quer gelesen, um zum wichtigen Kern zu kommen. Dabei können genauso wichtige Punkte übersehen werden und auch im neuen System dürfen Bücher immer noch als ganzes betrachtet werden. Wie bei jeder neuen Betrachtung alter Gegebenheiten sollte uns klar sein, dass wir schon immer mit Medienkompetenz und -kritik arbeiten müssen. Daran ändern auch neue Zugänge nichts.

Das größte Problem ist die Frage, wer taggen soll und wie. Wie kann man alte Texte rückwirkend taggen? Wer bestimmt die Tags? Aber keine Antworten zu kennen darf uns nicht daran hindern Fragen zu stellen und Ideen gleich wieder wegzuwerfen. Bücher sind für den wissenschaftlichen Gebrauch veraltet. Ebooks und andere digitale Formate sind nicht viel besser, da sie zwar das Problem der Verfügbarkeit lösen, aber nicht viele neue Zugänge bieten. Wir müssen uns weiter entwickeln, anstatt die Logik veralteter Formate auf moderne Begebenheiten zu kopieren.

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