digitaler widerstand

geschichtswissenschaft aus hannover

Die teilweise im Netz geführte Diskussion 13. Oktober 2012

Filed under: Uncategorized — boerne4 @ 16:41

über das wissenschaftliche Bloggen irritiert mich. Deshalb hier erneut einige Anmerkungen. Zunächst zum Begriff: Eigentlich meint ein Weblog doch nur ein im Netz veröffentlichtes Tagebuch einer Person. Genau genommen ist das schon ein Widerspruch in sich. Ein Tagebuch richtet sich normalerweise nicht an andere Personen, es dient der Selbstvergewisserung, nicht der Mitteilung. Deshalb ist es privat und nicht öffentlich. Ein Weblog ist aber öffentlich und dennoch kann er in dieser seltsamen Mischung aus privat und doch öffentlich bleiben. Ein Blog, auf den auch geantwortet werden kann, der also eine Kommentarfunktion hat, stellt insofern einen weiteren Bruch mit dem Tagebuch dar. Ein Weblog kann also nur begrenzt mit einem Tagebuch verglichen werden und hat dennoch weiterhin Eigenschaften eines solchen, kann es doch der Selbtvergewisserung dienen.

Zugleich ist ein Blog eine technische Möglichkeit, um ohne besonderen Aufwand eigene Texte im Netz zu veröffentlichen und sie bis zu einem gewissen Maße auch zu systematisieren. Das allein stellt gegenüber den vorherigen Zuständen eine erhebliche Verbesserung dar. Ich kann innerhalb weniger Minuten ein neues Blog anlegen und mich einer weiten Öffentlichkeit mitteilen.

Derzeit wird um den Nutzen von Blogs viel geschrieben und es werden Anforderungen formuliert. Zunächst aber lag der Nutzen eigentlich nur beim Autoren. Jeder schreibt für sich selbst. Ob andere davon etwas haben oder nicht, bleibt zweitrangig. Wissenschaftliches Schreiben verfolgt aber einen anderen Ansatz. Sie muss auf Wirkung bedacht sein (auch wenn die Zahl der Leser eines wissenschaftlichen Textes oft nur sehr gering ist), aber ohne diese Wirkung (es reicht, wenn nur wenige, aber wichtige Leute den Text lesen und rezipieren) verliert er gerade in Zeiten zunehmender Konkurrenz deutlich an Relevanz. Was derzeit meines Erachtens geschieht, besteht darin, den Blogs Relevanz zu geben. Sie müssen doch zu etwas nutze sein, und wenn sie nur als Schreibübung dienen sollen. Doch eigentlich gehen die Forderungen weiter. Hier soll – über die Kommentarfunktion etwa – kommuniziert werden, hier soll eine Verbindung von Wissenschaft und Laienwelt hergestellt werden (der Blick in die „Werkstatt“ des Wissenschaftlers etwa wird gern genannt). Aber das sind das wirklich noch Blogs?

Selbstzeugnisse sind schwierige Texte, sie erschließen sich nicht einfach, sondern setzen vom Leser normalerweise viel Kontextwissen, Sprachverständnis und Geduld voraus. Dem steht hier die Annahme gegenüber, Blogs seien eigentlich leichte Texte. Und wenn sie es nicht sind? Und wenn sie keinen Nutzen haben – und dennoch etwas bewirken?

Fragt sich, was die Gattung Blog oder zumindest die technische Lösung Blog im Kontext wissenschaftlicher Arbeit bedeuten kann. Um diese Frage zu beantworten, müssten wir eigentlich zunächst über den Stand der „regulären“ Wissenschaft nachdenken und diskutieren. Dann ließe sich auch besser formulieren, welche Rolle Blogs spielen können bzw. könnten. Sie aber ohne Reflexion additiv einer Praxis zuzuordnen, macht eigentlich keinen Sinn. Es sei denn, sie werden einfach in die Praxis integriert. Wäre auch eine denkbare Variante. Aber sie wäre eine vielleicht nur zweitbeste.
Denn dann würde auch die Frage nicht beantwortet werden, welche Innovationspotential in Blogs steckt, die sich den normativen Zwängen von Peer Reviews oder Förderrichtlinien entziehen. Also eine Form eigener Öffentlichkeit zu finden, die sich aber nicht nur über Formen, sondern auch über Inhalte austauscht. Dafür brauchen wir aber auch Autoren, die nicht nur die wissenschaftliche Karriere im Auge haben und sich auf neue Themen einlassen. Das wäre ein spannendes Thema.

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