digitaler widerstand

geschichtswissenschaft aus hannover

Langsames Medium 22. September 2013

Filed under: Uncategorized — boerne4 @ 09:48

In einer Lehramtsprüfung vor ein paar Tagen haben wir über McLuhans Unterscheidung „heißer“ und „kalter“ Medien gesprochen. Im weiteren Verlauf der Prüfung wurde mir klar, dass das Internet vor allem, zumindest in diesem Kontext, ein „langsames“ Medium ist. Diese Wertung dürfte überraschen, denn die meisten sehen im Internet ja genau das Gegenteil. Ich möchte deshalb meine Interpretation kurz verdeutlichen:

In einem normalen Schulbuch gibt es schön aufbereitete Texte, Bilder und schriftliche Quellen. Sie sind auf das didaktisch notwendige Maß reduziert und erfüllen meist eine eindeutige Funktion (so würde ich das zumindest als Nicht-Lehrer sehen). Das Internet liefert dagegen nicht nur unterschiedliche Quellen, sondern auch in voller Länge. Also: Statt der Schlagzeile einer Zeitung zum Kriegsausbruch nun die gesamte Zeitung (inklusive weiterer Artikel, Werbung, dem Fortsetzungsroman, Anzeigen), statt einer sorgfältig heraus gesuchten Kriegspostkarte eine ganze Serie (inklusive der Leseprobleme), statt eines Auszugs aus einer zeitgenössischen Darstellung nun die gesamte Darstellung usw.

Das bedeutet zunächst, dass die Schüler (beiderlei Geschlechts) nicht mehr reduzierte „Kost“ erhalten, sondern komplette Quellen in all ihrer Vielschichtigkeit. Das erschwert die Interpretation allerdings, denn jede Quelle benötigt eine eigenständige Form der Erschließung, sie wandelt sich dann zugleich von einem Argument hin zu einer eigenständigen Erkenntnismöglichkeit. Das alles, und das scheint mir bei vielen didaktischen Konzepten zu wenig beachtet zu sein, kostet schlicht und ergreifend Zeit! Zeit, die Schüler (beiderlei Geschlechts) nicht mehr haben, weil der Lehrplan voll und die Anforderungen hoch sind. Was dann bleibt, ist das schnelle Abarbeiten von Stationen, die vermutlich selten zu wirklichem Verstehen und Erkennen führen.
Die Informationen können wir jetzt allerdings schnell erhalten und ohne uns aus der Schule (oder der Hochschule) bewegen zu müssen, aber das, was wir dann mit diesen Informationen anstellen, benötigt Zeit, sehr viel Zeit.

Wenn wir deshalb das Netz in den Schulen ernst nehmen wollen, dann müssen wir eine andere Lernkultur und neue Erwartungshaltungen an die Schüler definieren. Das „Abarbeiten“ von Epochen – und dann noch in chronologischer Reihenfolge – erscheint vor diesem Hintergrund eher ein zeitraubender Umweg, überflüssig. Wenn wir die Komplexität der Quellen in den Unterricht holen, dann müssen wir den Schülern (…) auch die Zeit geben, sich diese zu erschließen.

Wenn man jetzt weiter denken würde, ergibt sich ein viel weitergehendes Problem, das die Geschichtswissenschaft direkt trifft. Wenn nämlich viele Quellen im Netz frei verfügbar sind, stehen sie im Gegensatz zu früheren Zeiten jedem offen. Zwar gibt es noch die exklusiven Orte des Archivs, die ohne Spezialwissen und Zeit kaum angemessen erschlossen werden können (und die Archive wehren sich bislang erfolgreich gegen eine digitale Öffnung), aber alle anderen Quellen historischer Erkenntnis liegen immer offener allen Interessierten vor: fast die gesamte ältere Literatur ist digitalisiert, Tageszeitungen werden in immer größerer Zahl ins Netz gestellt usw.
Damit ist unser Konzept wissenschaftlicher Arbeitsteilung – die Wissenschaftler als exklusive Gruppe haben allein Zugang zu den Quellen und der Forschungsliteratur und generieren daraus Bücher und damit gesellschaftlich wirksame Geschichtsbilder – die Laien haben diese Zugang nicht und nutzen lediglich die Bücher – eigentlich immer mehr hinfällig. Jetzt kann jeder, wie es Braudel schon vor 70 Jahren vorschwebte, immer mehr direkt auf die ursprünglichen Informationen zurück greifen und anhand dieser seine eigenen Geschichtsbilder formulieren.
Was bedeutet das dann aber für die Wissenschaft, und was für die Lehre? Wir müßten eigentlich zutiefst verunsichert sein, oder sind wir das in Wirklichkeit schon längst? 

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2 Responses to “Langsames Medium”

  1. Auch wenn das einigen noch schwer fällt: Wir Historiker haben keine Deutungshoheit für Geschichte. Es ist schön, dass viel mehr Menschen Zugang zu Informationen haben. Was (Geschichts)Wissenschaftler auszeichnet ist ihr methodischer Zugang. Wenn das einzige, was uns von Hobbyisten trennt, ein riesiger Elfenbeinturm ist, ist die Wissenschaft am Ende. Wir dürfen nicht nur zum Selbstzweck arbeiten.
    Aber, wie Du schon fragst, die Angst ist da. Auf die Möglichkeiten des Internets und dem Austausch mit der Öffentlichkeit wurde, denke ich, nicht offenherzig reagiert. Sondern der Elfenbeinturm wurde höher gebaut.
    Natürlich kann nicht jeder Geschichtswissenschaftler werden, es gibt genug Menschen, die sich nicht eignen (wie ich für Physik). Allerdings ist ein BA-Studium von 4-6 Semestern auch keine große Hürde. Man wird gut durch Erfahrung, aber nicht unantastbar.


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