digitaler widerstand

geschichtswissenschaft aus hannover

Verhungern vor vollen Tellern? 18. Dezember 2014

Filed under: Uncategorized — boerne4 @ 11:42

# sie verhungern vor dem vollen Teller

Immer wenn bestimmte Begriffe gern verwendet werden, beschleicht mich ein eigenartiges Gefühl: Wird da vielleicht etwas beschrieben, was in Wirklichkeit nicht vorhanden, sondern abwesend ist? Etwa bei dem Begriff „Kompetenz“. Ach, was werden da nicht alles für Kompetenzen vermittelt oder erworben, meist noch in einer sehr kurzen, definierbaren Zeit? Kompetenz steht allerdings selten allein, sondern sie hat einen Kompagnon, wie die beliebte Medienkompetenz. Von ihrer Existenz bzw. Nicht-Existenz ist seit Jahren landauf, landab die Rede. Damit verdienen auch nicht wenige Leute ihr Geld. Aber was wird dafür eigentlich geboten? Wenn ich mir die vorhandene Praxis ansehe, dann eigentlich nur eines: Ein vorgebliche Kritikfähigkeit gegenüber neuen Medien; sie scheinen hochgefährlich zu sein. Dann wird noch teilweise über „digital Natives“ geschwätzt, so als sei jemand, der mit dem Smartphone in der Hand in die erste Klasse gegangen ist und diesen wunderbaren Augenblick per Facebook verbreitet hat, schon per Se ein Kundiger gegenüber uns Älteren, die wir das Internet erst im 30. oder 40. Jahr unseres Lebens kennen und nutzen und schätzen gelernt haben; tollpatschige Blödiane, die von nichts eine Ahnung haben. Zugegeben, einige benehmen sich genauso. Aber die „Eingeborenen“? Die tapern auch mehr oder weniger unbeholfen durch diese digitale Welt. Sie kennen lediglich halbwegs ihre digitalen Spielplätze, auf denen sie sich austoben, wobei sie sich böse verletzen können, was dann immer wieder einen Aufschrei über diese gefährliche digitale Welt zur Folge hat. Eben, wir brauchen mehr Medienkompetenz, heißt es dann. Dass zum Lernen auch der Misserfolg, auch der zuweilen schmerzhafte gehört, ist in unserer glatten Erfolgs-Bildungswelt ja mittlerweile so systematisch verdrängt worden, dass es keinem mehr auffällt, wie sehr Lernen auch den Misserfolg braucht. Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben.
Ich will davon schreiben, wie verdammt wenig unsere Schüler von der wunderbaren (und nein, das ist nicht ironisch gemeint) Welt des Internets mitbekommen, wenn wir es auf „soziale Medien“, die Wikipedia (nichts gegen sie, aber das ist eine andere Sache) und eine banale Google-Suche reduzieren (wobei eine Google-Suche schon alles andere als banal ist), wie es manche inkompetenten Medienkompetenzvertreter so gern behaupten oder zumindest nahelegen. Was bei einer solchen Haltung heraus kommt, dass konnte ich dieser Tage erst im Seminar erleben.
Dass das Internet Teil einer sich dramatisch beschleunigenden Wissensgesellschaft ist, dass es alte Zugangsschranken zu Wissen und Forschung niederreißt, und zwar sowohl formale (wer ging früher schon in eine wissenschaftliche Bibliothek oder ein Archiv?, wer hatte Zugang zu den Forschungsdebatten?) wie nationale, gerät bei dieser ganzen inkompetenten Medienkompetenzdebatte regelmäßig unter die Räder.
Und so ist es vielleicht nicht verwunderlich, wenn etwas passiert, was ich am Montag von einer Schülerin eines niedersächsischen Gymnasiums erfahren musste, die an ihrer Facharbeit sitzt: Außer dem gedruckten Buch und der Warnung vor der Wikipedia lernen unsere Schüler offenbar nicht viel über Informationsbeschaffung in Zeiten des Internets. Gut, sie nutzen ihre Schulbibliothek (wäre mal eine spannende Frage, wie diese ausgestattet sind, vielleicht gibt es dazu sogar Untersuchungen) und sie nutzen auch unsere Institutsbibliothek. Wunderbar. Aber dass es auch im Netz Forschungsergebnisse zu lesen gibt, dass es Digizeitschriften gibt, digi20, HSozkult und dergleichen mehr – davon erfahren sie offenbar gar nichts. Vielleicht ist es nur ein Einzelfall, aber ich habe starke Bedenken, dass dem so ist.
Wenn wir es mit der Medienkompetenz wirklich ernst nehmen, müssen wir die digitalen Naiven endlich an die Hand nehmen und sie in die wunderbare Welt des Wissens und der Informationen einführen, anstatt sie andauernd davor zu warnen – und gleichzeitig bereit sein, mit ihnen zusammen diese Welt neu zu erkunden.
Irgendwie muss ich gerade dabei an einen Aufsatz eines Helmut Kentler denken, der Anfang der 1970er Jahre in unserer Schülerzeitung abgedruckt wurde und einen Aufschrei der Entrüstung seitens der Lehrer auslöste. Es ging um eine steife, technische Sexualerziehung (wobei ich mich nicht daran erinnern kann, dass wir eine solche jemals erfahren haben), die mit dem Motto „Von Lust ist nicht die Rede“ kommentiert wurde. So ähnlich könnte man unser ganzes Medienkompetenzgerede auch beschreiben: Von Lust oder vielleicht besser Freude und intellektuellen Spaß am Internet und an neuen Medien ist nie die Rede. Warum eigentlich nicht?

Und warum lassen wir es zu, dass unsere Schüler und Studenten gerade zu vor vollen Tellern intellektuell verhungern. Warum?

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